WerkTakt

Nachtragsmanagement im Bauwesen: Wie man mit Software weniger Geld verliert

Nachtragsmanagement im Bauwesen: Wie man mit Software weniger Geld verliert

Spätabends im Büro in meinem Betrieb im Allgäu peitscht der Regen gegen die Scheibe. Es ist einer dieser Abende im vergangenen Spätherbst, an denen man eigentlich schon längst auf dem Sofa sitzen sollte. Stattdessen starre ich auf einen Stapel zerknitterter Lieferscheine und versuche, die verschmierte Handschrift meines Poliers auf einem nassen Zettel zu entziffern. Der Geruch von nassem Beton klebt noch an meinen Stiefeln, während ich am Laptop sitze und fluche. Wir haben auf der Baustelle im Nachbardorf das Fundament verstärkt – Bodenklasse war anders als im LV angegeben – und ich weiß genau: Das hätte eigentlich schon vor Wochen als Nachtrag abgerechnet werden müssen.

Kennen Sie dieses flaue Gefühl im Magen? Man merkt bei der Rechnungsstellung plötzlich, dass man Material für mehrere tausend Euro verbaut hat, ohne rechtzeitig einen schriftlichen Nachtrag gestellt zu haben. In meinem Betrieb mit 12 Mitarbeitenden sind solche Versäumnisse keine Kleinigkeit, sondern entscheiden darüber, ob am Ende des Jahres eine schwarze Zahl unter dem Strich steht oder ob wir für den Bauherrn quasi ehrenamtlich gearbeitet haben.

Die Ära der Zettelwirtschaft: Warum Papier und Excel uns Geld kosteten

Bevor ich auf digitale Systeme umgestiegen bin, habe ich das gemacht, was viele von uns tun: Vier Jahre lang reine Zettelwirtschaft, danach sechs Jahre Excel-Bautagebücher. Es hat irgendwie funktioniert, aber eben nur irgendwie. Das Hauptproblem war nie der Wille der Jungs draußen, sondern die Zeit. Wenn der Bagger mitten in der Frostperiode auf ein Hindernis stößt, das nicht im Plan steht, dann wird telefoniert. "Chef, wir müssen hier tiefer gründen." Ich sage: "Mach weiter, ich klär das."

Und genau da fängt das Problem an. Die VOB/B ist da in § 2 ziemlich unmissverständlich: Mehrleistungen müssen eigentlich vor der Ausführung angekündigt werden, um den Vergütungsanspruch wasserdicht zu sichern. In der Realität kommt die Info vom Polier oft erst im Büro an, wenn der Graben schon wieder zu ist. Dann sitzen Sie da mit Ihrem Excel-Sheet und versuchen zu rekonstruieren, wer wann was gesagt hat. Wer 6 Jahre lang Excel-Listen gepflegt hat, weiß, dass man spätestens nach drei Monaten den Überblick verliert, welche Version des Nachtragsangebots jetzt eigentlich die aktuelle ist.

Vergleich zwischen einem verschmutzten Papierzettel und einer digitalen Nachtragserfassung

Der Umstieg: Von SiteVisor zu einer integrierten Lösung

Ich habe 2021 angefangen, SiteVisor zu testen. Das war gut für die reine Dokumentation, aber mir fehlte die Verknüpfung zum kaufmännischen Teil. Später bin ich dann auf mein heutiges System umgestiegen, das ich heute auch befreundeten Betrieben in Beratungsmandaten empfehle. Warum? Weil ein Bautagebuch ohne direkten Draht zum Nachtragsmanagement nur die halbe Miete ist.

Ein verregneter Dienstagnachmittag im letzten Frühjahr hat mir das deutlich gezeigt. Ein privater Bauherr bestritt plötzlich eine Leistungsänderung am Fundament eines Mehrfamilienhauses. Er behauptete, er hätte die Mehraufwendungen nie freigegeben. Früher hätte ich jetzt in Ordnern gewühlt. Heute reicht ein Klick in die Software. Ich öffnete das tagesaktuelle Protokoll: Foto der Bodenbeschaffenheit, Zeitstempel, GPS-Daten und die Notiz der mündlichen Absprache vor Ort. Das Gesicht des Bauherrn war Gold wert. Solche Momente zeigen mir, dass die Digitalisierung nichts mit Spielerei zu tun hat – es ist reiner Selbstschutz.

Die Gefahr der Prozessflut: Warum Software auch schaden kann

Jetzt kommt aber ein Punkt, den viele Software-Vertriebler im Anzug Ihnen nicht sagen werden: Die Automatisierung von Nachträgen kann nach hinten losgehen. Moderne Baumanagement-Software macht es so einfach, jeden Handgriff als Nachtrag zu deklarieren, dass man schnell dazu neigt, eine inflationäre Prozessflut auszulösen.

Stellen Sie sich vor, Sie schicken dem Bauherrn für jede Kleinigkeit – und sei es nur eine zusätzliche Steckdose oder ein Kubikmeter Erdaushub – sofort ein automatisiertes Nachtragsangebot aus dem System. Was passiert? Der Bauherr fühlt sich belagert. Die psychologische Wirkung ist fatal: Er schaltet auf stur. Meiner Erfahrung nach mindert dieser digitale Dauerbeschuss den eigentlichen Verhandlungsspielraum bei den wirklich dicken Brocken massiv.

Ich nutze die Software heute eher als internes Fangnetz. Wir erfassen draußen alles – wirklich alles. Aber ich entscheide im Büro, was ich als offiziellen Nachtrag rausschicke und was ich vielleicht als Joker für die Schlussverhandlung behalte. Software sollte uns die Daten liefern, aber nicht das Denken und das Fingerspitzengefühl im Umgang mit Menschen ersetzen. Wer das versteht, kann VOB-konforme Bautagebücher nutzen, um Fakten zu schaffen, ohne die Geschäftsbeziehung zu vergiften.

Praxisbeispiel: Sanierung eines Mehrfamilienhauses

Nehmen wir ein konkretes Beispiel aus dem Bereich Sanierung. Wir hatten kurz vor Ostern ein Projekt, bei dem beim Abschlagen des Putzes unerwartete Schäden am Mauerwerk zum Vorschein kamen. In der alten Welt hätte der Polier ein Foto mit seinem Handy gemacht, es mir vielleicht per WhatsApp geschickt (wo es im Chatverlauf untergeht) und wir hätten es irgendwann später besprochen.

Mit der Software-Lösung sieht der Ablauf heute so aus:

Digitale Dokumentation einer Fundamentänderung direkt auf der Baustelle

Harte Zahlen: Was bringt die Software wirklich?

Lassen Sie uns über Geld reden. In einem Betrieb mit 12 Leuten gehen pro Jahr im Schnitt etwa 2-3 % des Umsatzes durch nicht erfasste oder nicht durchgesetzte Nachträge verloren. Bei einem moderaten Jahresumsatz reden wir hier schnell über Beträge im hohen fünfstelligen Bereich.

Die Software-Kosten sind dagegen fast vernachlässigbar, wenn man sie gegen die gewonnenen Nachträge rechnet. Aber der größte Hebel ist die Zeitersparnis bei der Dokumentation. Mein Polier spart täglich etwa 20 Minuten, die er früher mit dem Ausfüllen von Durchschreibeblöcken verbracht hat. Auf den Monat gerechnet sind das fast sieben Stunden – Zeit, die er für die Qualitätssicherung auf der Platte braucht.

Oft fragen mich Kollegen, ob sich der Aufwand für die Einführung lohnt. Ich sage dann immer: Der Schmerz bei der Umstellung ist einmalig, der Schmerz über unbezahlte Arbeit ist dauerhaft. In meinem Testbericht zum Thema Baumanagement Software für Nachunternehmer bin ich schon einmal darauf eingegangen, wie wichtig die Akzeptanz der Leute draußen ist. Ohne die Jungs, die den Dreck an den Stiefeln haben, bringt Ihnen die teuerste Software nichts.

Fazit: Wer schreibt, der bleibt – wer digital schreibt, gewinnt

Nachtragsmanagement ist kein Hexenwerk, aber es erfordert Disziplin. Software ist das Werkzeug, das diese Disziplin erträglich macht. Sie schützt uns vor dem Vergessen und liefert die Beweise, wenn es hart auf hart kommt. Aber bleiben Sie Herr über Ihre Prozesse. Nutzen Sie die Automatisierung für die interne Erfassung, aber bleiben Sie menschlich und strategisch in der Kommunikation nach außen.

Heute führe ich beide Systeme – die reine Dokumentation und das umfassende Baumanagement – parallel in Beratungsprojekten ein. Nicht weil ich ein IT-Experte bin, sondern weil ich gesehen habe, wie viel Geld wir früher auf der Straße (oder im Fundament) liegen gelassen haben. Wenn Sie heute noch mit nassen Zetteln und Excel-Listen kämpfen, fragen Sie sich: Können Sie es sich wirklich leisten, dieses Geld zu verschenken?

Verwandte Artikel