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Bausoftware für Sanierung im Bestand: Was Praktiker wirklich brauchen

Bausoftware für Sanierung im Bestand: Was Praktiker wirklich brauchen

Ich stehe an einem späten Nachmittag in einem staubigen Dachstuhl im Oberallgäu und suche in meinem alten, klammen Notizbuch vergeblich nach dem Aufmaß der Gaube, während der Zimmermann auf Antwort wartet. Es ist einer dieser Momente, in denen Sie genau wissen: So geht es nicht weiter. Draußen zieht der Nebel die Hänge hoch, und ich stehe da mit schmutzigen Fingern und einem Zettelchaos, das mich mehr Zeit kostet als das eigentliche Bauen. Wer im Bestand saniert – egal ob Mehrfamilienhaus, alte Scheune oder gewerbliche Objekte –, der weiß, dass hier andere Gesetze gelten als beim Neubau auf der grünen Wiese.

Warum Standard-Software bei Sanierungen oft versagt

Im Neubau ist alles geplant, gerade und meistens rechtwinklig. In der Sanierung ist das einzige, worauf Sie sich verlassen können, die Unwägbarkeit. Wenn wir eine Sanierung im Hochbau angehen, stoßen wir fast täglich auf Überraschungen hinter dem Putz oder unter den Dielen. Viele Baumanagement-Systeme sind für den linearen Prozess des Neubaus konzipiert: LV hochladen, Häkchen setzen, fertig. Aber was passiert, wenn die Wand im Erdgeschoss plötzlich aus Bruchstein statt aus Ziegeln besteht?

Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Ein Praktiker braucht kein System, das ihn zwingt, erst im Büro am PC komplexe Nachträge anzulegen. Wir brauchen etwas, das das Bestandsrisiko dokumentierbar macht – und zwar sofort. Die VOB/B schreibt uns vor, dass wir Änderungen im Bauablauf unverzüglich schriftlich anzeigen müssen. Wer das erst am Wochenende in Excel nachpflegt, hat rechtlich schon halb verloren, wenn es später zum Streit um die Kosten kommt.

Smartphone mit Baustellen-App auf einer alten Ziegelmauer bei einer Sanierung

Der Wechsel: Von Excel-Chaos zu digitaler Klarheit

Bevor ich vor etwa acht Monaten – das war im Spätherbst – den kompletten Umstieg auf mein heutiges System vollzogen habe, gab es bei uns im Betrieb sechs Jahre lang nur Excel-Bautagebücher. Davor sogar vier Jahre lang reines Papier. Das Problem war nie die Tabelle an sich, sondern die Brücke zwischen der Baustelle und dem Büro. Wenn meine 12 Mitarbeiter draußen Fotos machen, landeten die früher in irgendeiner WhatsApp-Gruppe oder blieben auf dem privaten Handy liegen. Suchen Sie mal im Mai ein Foto von einer verdeckten Leitung, das im November gemacht wurde.

Ich habe 2021 zunächst SiteVisor getestet, was für die reine Dokumentation gut funktionierte. Aber als Bauunternehmer muss ich auch das Geld im Blick behalten. Ich habe dann auf Bauprogramm umgestellt, weil ich dort die Verknüpfung zwischen dem Bautagebuch und dem echten Leistungsverzeichnis habe. Es ist dieser Fokus auf das Wesentliche, den wir im Allgäu brauchen. Wir führen heute beide Systeme parallel in Beratungsmandaten bei befreundeten Betrieben ein, aber für mein eigenes Tagesgeschäft in der Sanierung ist die Einfachheit entscheidend.

Die radikale Lösung: Weniger Funktionen für mehr Erfolg

Hier kommt mein wichtigster Rat an alle Kollegen: Suchen Sie nicht nach der Software, die am meisten kann. Suchen Sie nach der, die Ihre Leute am wenigsten überfordert. Ein Polier, der seit 30 Jahren auf dem Bau steht, wird keine App bedienen, die aussieht wie ein Cockpit von einem Airbus. Statt auf Funktionsvielfalt zu setzen, sollten Sanierer gezielt nach Software mit eingeschränktem Funktionsumfang suchen, um die Fehleranfälligkeit radikal zu senken. Wenn die App nur drei Knöpfe hat, die aber funktionieren, dann wird sie auch genutzt.

In der Praxis sieht das so aus: Foto machen, kurze Sprachnotiz dazu, LV-Position zuordnen – fertig. Das muss auch mit Handschuhen oder bei schlechtem Licht funktionieren. Das kratzige Gefühl von alter Glaswolle an den Unterarmen, während man versucht, ein scharfes Foto vom Deckenbalken für die App zu machen, gehört bei uns dazu. Da darf die Technik nicht zicken. Wenn das System dann noch automatisch die DIN 276 im Hintergrund mitführt, damit die Kostenstellen sauber bleiben, ist das Büro auch glücklich.

Einfache Benutzeroberfläche einer Bausoftware für die Dokumentation auf der Baustelle

Der Wendepunkt: Wenn die Software den Nachtrag rettet

Kurz vor Weihnachten hatten wir eine Baustelle in Kempten, Sanierung eines Mehrfamilienhauses. Beim Aufstemmen eines Schlitzes für die neue Elektrik kam eine alte, nicht verzeichnete Gasleitung zum Vorschein. Früher hätte ich jetzt den Bauherrn angerufen, die Arbeit eingestellt und gehofft, dass ich abends im Büro noch daran denke, das Ganze rechtssicher zu dokumentieren. Diesmal war es anders: Smartphone raus, Foto von der Leitung, kurze Notiz als Behinderungsanzeige direkt aus der App an den Architekten geschickt.

Nach etwa zwei Monaten im Echtbetrieb war das für meine Leute schon Routine. Der Vorteil ist massiv: Die Beweissicherung passiert in Echtzeit. Der Bauherr sieht sofort auf seinem Tablet, was los ist, und wir haben die Freigabe für den Mehraufwand, bevor der Gips trocken ist. Wer schon einmal versucht hat, bei der Abnahme von Bauleistungen zu dokumentieren, was Monate zuvor schiefgelaufen ist, weiß, wie wertvoll diese sofortigen digitalen Spuren sind.

Harte Zahlen: Was bringt die Umstellung wirklich?

Lassen Sie uns über Fakten sprechen. In einem Betrieb mit 12 Mitarbeitenden wie meinem kostet die Zettelwirtschaft pro Kopf und Woche locker zwei bis drei Stunden – nur für das Sortieren von Infos, das Nachfragen und das Suchen von Fotos. Rechnen Sie das mal auf das Jahr hoch. Bei einer Sanierung sind die Nachträge oft der Punkt, an dem wir unser Geld verdienen oder eben draufzahlen.

Digitales Bautagebuch mit Foto eines Nachtrags im Bestand auf einem Tablet

Fazit eines Praktikers

Ein verregneter Vormittag im Mai hat mir neulich wieder gezeigt, warum wir diesen Weg gegangen sind. Wir hatten drei Baustellen gleichzeitig, überall gab es kleinere Probleme mit dem Bestand. Früher wäre mein Telefon nicht stillgestanden. Heute schaue ich kurz in die Cloud, sehe die Fotos der Kollegen und weiß: Alles dokumentiert, alles im Plan.

Wir Praktiker brauchen keine bunten Dashboards oder Berater im Anzug, die uns erklären, wie Digitalisierung funktioniert. Wir brauchen Werkzeuge, die auch mit dreckigen Fingern auf dem Gerüst funktionieren und den Kopf für das Wesentliche freimachen. Dieses kurze, erleichterte Ausatmen, wenn der grüne Haken in der App erscheint und man weiß: Der Bautagesbericht ist erledigt, bevor man überhaupt im Auto sitzt – das ist für mich der wahre Gewinn. Wenn Sie als Bauunternehmer noch zögern, fangen Sie klein an. Reduzieren Sie die Funktionen auf das, was Sie draußen wirklich brauchen, und lassen Sie den Rest weg. Ihr Team wird es Ihnen danken.

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